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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Ein Kommentar zu:
Titanic Satiremagazin,
Briefe an die Leser,
"Vergleichen Sie, Joseph Fischer.." [1]
notMute Artikel


Schreiben und Lesen.
Die Schatten fallen nicht, es wird einfach dunkel.

Titanic

[2] Ich beende meinen notMute-Blog mit einer kurzen Sammlung von (eher desillusionierenden) Erkenntnissen, die mir die Erfahrung des Schreibens im Blog gebracht hat.

Das Schreiben als 'Tatsachenvermittlung' ist ein Konstrukt genau so wie literarisches Schreiben. Eine innere Wahrheit per se ('die Tatsachen gerade heraus') hat es genau so wenig, wie die graphische Kunst (meine erste Leidenschaft).
Die eigene Wahrheit muss eingebracht werden durch geistige Anstrengung, beim Schreiben wie in der Graphik.
Wohlformulierte Sätze sind so wahr wie unwahr. Wahr an Geschriebenem ist, was wahr genommen wird.

Auch dem literarischen Schreiben bin ich nicht näher gekommen. Warum empfindet man heutiges literarisches Schreiben nicht als groß?
Martin Walser nennt in seiner Beijing-Rede das Fehlen "weisser Schatten", das Erzählen zum zweifelhaften Zweck des Erzeugens von Meinung[3]

Die triviale Ebene des Schreibens heißt Worte drechseln – und zwar so lange, bis im Satz sowohl gesellschaftlich Akzeptierbarem Genüge getan ist, als auch der eigenen Intention (d.h. dem Gegenteil von Ersterem).

Was jemand im öffentlichen Schreiben (im Blog) preisgibt, kann und wird gegen ihn verwendet werden. Es wird entwertet und entwendet werden.

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[1] Der Auslöser für mich, über die Qualität meines Schreibens nachzudenken, war eine Passage andernorts, die, wie ich fand, beispielhaft treffend war (und deprimierend für mich, weil mein Schreiben dem nicht nahe kam):

"Vergleichen Sie, Joseph Fischer", Titanic, Briefe an die Leser, 2009-12, TITANIC-Verlag GmbH & Co. KG, Berlin.

Vergleichen Sie, Joseph Fischer, doch mal folgende zwei Sätze:
»Das auseinanderbrechende Jugoslawien versank in Krieg und ethnischer Säuberung.«
Und dann:
»Die zerquetschte Minu Barati ertrank in Sperma und herabtropfendem Schweiß.«
—  Na? Genau, Test bestanden: In beiden Sätzen fehlt der Täter.
Deshalb sollten Sie über Ihren in der Süddeutschen abgedruckten weltgeschichtlichen Rückblick auf die zwanzig Jahre seit dem Fall der Mauer für die zweifellos und unvermeidlich bald anstehende Buchfassung vielleicht noch einmal, hüstel, drübergehen. Denn manchmal ist es auch – ganz egal, was Sie zu Ihrer Putzgruppenzeit mal auswendig gelernt haben – unverschämt, nicht »Ich« zu sagen.
Saubere Grüße vom Ethnischenmagazin

(Rechte am Text: Titanic-Verlag)

[2] Abbildung: R. Crumb 'Sie sind hinter mir her' aus 'Die 17 Gesichter des Robert Crumb', 1972(?), Übersetzung Harry Rowohlt, Zweitausendeins. Rechte am Bild beim Inhaber.

[3] Der Wiener Universitätsprofessor K. P. Liessmann: "Meinung als journalistisch Relevantes zu verkaufen, ist Belästigung." ("Theorie der Unbildung" Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Serie Piper, Piper Verlag GmbH, München)

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