notmute logo
IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
graphic
Ein Kommentar zu:
Hans-Arthur Marsiske,
"Glocken als Feuerlöscher".
Online-Artikel in TELEPOLIS
notMute Artikel


Das grosse Brennen
(Die Kunst, das Kapital um Einsicht zu bitten)

Klimawandel

Die Geschichte der gesellschaftlichen Neuzeit als exponentiell sich steigerndes Verbrennen alles Brennbaren, als Brand der Erdoberfläche, wird in H.-A. Mursiskes Artikel _ [1] eindringlich ins Bild gesetzt. Hier ein Zitat daraus:

Das industrielle Brennen begann "zuerst an der Brennstoff­quelle. Dort kamen die ersten Dampfma­schinen zum Einsatz [...] Kohle wurde verbrannt, um schneller Kohle zu fördern. Das war der Auftakt zu der bis heute anhal­tenden und sich immer noch weiter beschleuni­genden Symphonie der Maßlosigkeit.
[...] Jede einzelne Flamme in den ungezählten Fahrzeug­motoren, Kraft­werken oder Flugzeug­triebwerken brennt heute extrem kontrolliert. Störungen sind erstaunlich selten. Doch all diese Flammen zusammen bilden den gewal­tigsten Flächenbrand, den die Erde je erlebt hat. In den vergangenen 350 Millionen Jahren, seit es genug Sauerstoff in der Erdat­mosphäre gibt, um ein Feuer zu entfachen, hat unser Planet nicht so gebrannt wie jetzt.
Dieses Feuer hat niemand unter Kontrolle. Und keine noch so laute Alarm­glocke kann es stoppen.
"

Mit der Alarmglocke im Artikel ist zum Beispiel die gerade stattfindende UN-Klimakonferenz COP15 in Kopenhagen gemeint, die allgemein als letzte Chance einer radikalen Wende vor der Menschheits­katastrophe angesehen wird.
Zu einer solchen Wende ist die gesellschaftliche Verfassung auf der Erde nun offensichtlich nicht in der Lage und die COP15 kann entsprechend nichts weiter sein, als ein Feigenblatt des guten Bemühens, um noch 10 oder 20 Jahre so weiter­machen zu können, wie bisher. [2]

Warum das so ist, wird im zitieren Artikel durchaus angerissen (was selten genug in Beiträgen zur Soziologie geschieht). Unter den hunderten Artikeln zum Klimawandel beziehe ich mich auf diesen, da er eine Unterscheidung erkenntnis­theoreti­scher Kategorien vornimmt:

Das Ganze (die ohnmächtige Menschheit / das unkontrollierbare Verbrennen alles Brennbaren) ist etwas qualitativ anderes, als die Summe der einzelnen Akteure (gutwillige Organisationen oder Regierungen / genau kontrollierte Motoren etc.).

Der philosophische Begriff der verschiedenen Qualitätsstufen in den Erscheinungsformen der Welt ist leider zu sehr als "marxistisch" verteufelt, als dass noch gewagt wird, ihn zu denken.
Annähernd umschrieben wird das Thema heute mit einem Begriff wie Gruppendynamik.

*  *  *

Ein Beispiel aus dem Altertum: Wenn zwei durchtrainierte Männer sich im Kolosseum bewaffnet anvisieren, schlägt die Qualität "zwei Männer" um in die höhere Qualität "Gladiato­renkampf".
Zwei Menschen gegenüber kann man argumentieren, dass der Ruhm des Tötens eine zweifelhafte Sache ist, die man fahren lassen sollte – einem Gladiato­renkampf gegenüber kann man das nicht. (Spielen zwei das Spiel nicht mit, rücken andere nach. Der Gladiato­renkampf aber bleibt der Gladiato­renkampf solange die Gesellschaft mit ihren Spielregeln nicht untergeht.)

Ich glaube schon, dass ein Teil der Weltbevölkerung (wahrscheinlich der skrupelloseste Teil) das Menschheits­verbrechen der sauren, toten Weltmeere und die nötige Umsiedlung irgendwie überstehen wird. – Aber nicht, weil der Kapitalismus reuig die Segel streicht oder irgend welche UN-Apelle an die Einsichts­fähigkeit der Konzerne fruchten. (Gemäss dem oben erläuterten Prinzip ist "Konzern" eine Qualität, die gar nicht einsichtig sein kann.)
Irgendwann ist einfach der Punkt erreicht, wo mit dem Reduzieren der Zerstörung von Ressourcen und Umwelt mehr Geld zu verdienen ist, als mit der Aufrecht­erhaltung von deren Zerstörung. Das ist das ganze, banale Prinzip der Geschichte.
Die Menschheit in ihrer heutigen Verfassung ist nicht der Souverän. Sie kann als Ganzes nicht entscheiden und steuern – das könnte höchstens das chinesi­sche Modell eines welthoheit­lichen Zentralkomitees. Die Menschheit ist getrieben und ausge­liefert dem Spiel der einzelnen Akteure. Aus der Spiel­theorie her und der mathema­tischen Beschreibung physika­lischer Systeme ist bekannt, dass solche Systeme kippen können, sich selbst zum endgül­tigen Erliegen bringen können. Ab einem gewissen Grad der Komplexität ist eine Vorhersage dazu unmöglich.

Wieviele Hundertmillionen Menschen (der übernächsten Generation) auf dem Weg zu diesem Punkt ihr Leben verlieren - das interessiert heute höchstens die, die in Kopenhagens Strassen gerade verhaftet werden.
Exxon darf das nicht interessieren (wenn die Chance da ist, Gasprom auszustechen). Wer bremst, verliert.
Konzernen oder Investmentbanken den moralisierenden Vorwurf zu machen, sie verhielten sich wie Konzerne oder wie Spekulanten – was für eine dumme Begriffsverwirrung.
Moral kann man einem Individuum zuweisen, nicht einem System (auch hier: Unterscheidung von philoso­phischen Qualitäts­stufen). Wirtschaft ist Konkurrenz­kampf um den Profit. Ein Konzern, der Rück­sichten nimmt, steht einfach nicht zum Sinn seiner Existenz und wird vom Markt verschwinden.

Man stelle sich vor:  Der Planet Erde wird geplündert und verseucht bis nichts mehr geht.
— Zum grössten Teil, pauschal gesagt, zu folgendem Zweck: um in St.Petersburg Mineralwasser aus Patagonien verkaufen zu können.
Ein einzelner Ozeanfrachter belastet die Umwelt auf seiner Fahrt in einem Umfang wie eine Stadt mit 60.000 Einwohnern.
Hunderte Millionen Menschen werden in den nächsten Jahrzehnten auf der Flucht sein – auf der Flucht aus unbewohnbar gemachten Regionen der Welt.

Bei solchen Zukunftsaussichten, hervorgerufen im wesentlichen durch Abgase, muss ein Staatsmann die Kraft haben, eine Richtung und eine Vision in die Gesellschaft zu pflanzen.
Die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, tat das 2009 mit folgendem Aufruf:
FAHRT MEHR AUTO!
KAUFT AUTOS!  UND ZWAR IN RAUHEN MENGEN!

Mit der sogenannten "Abwrackprämie" (die Wortwahl suggeriert natürlich das Gegenteil dessen, was damit bezweckt ist) wurden Steuer-Milliarden genau jenen Industrie­bossen geschenkt, die für die Maxime stehen 'Wachstum geht vor Nachhaltigkeit', 'Konsum geht vor Vernunft' und 'Was geht uns der Klimawandel von morgen an'.
Das den Politikern und der Presse dabei abverlangte Maß an Demagogie besteht zum einen darin, solche Untat (zu der es unter dem Druck des anglo- amerika­nischen Global­systems gar keine Alternative gibt) als Wohltat hinzustellen.
Zum anderen besteht es darin, eine Souveränität zu suggerieren, Politik und Presse übten Macht und Kontrolle über das internationale Finanzkapital aus (was natürlich in keiner Weise möglich ist). Hut ab! Ich könnte das nicht.

Die ausserdemokratische Alternative, ein Welt-Napoleon /eine chinesische Welt-Kartell­behörde, die sagt 'Stopp. Folgende Lebens­bereiche sind im Interesse der Erhaltung der Welt von einzelstaatlicher Souveränität und von der freien Markt­wirtschaft ausgenommen und werden nicht verhandelt, sondern diktiert...' – diese Alternative ist nicht umsetzbar bevor nicht die jetzigen Spielregeln der Welt, wie sie vom US-Kapitalismus vorgegeben werden, zusammengebrochen sind.

*  *  *

top

Noch ernster als in der beschriebenen politischen Dimension sind die Zukunftsaussichten in der technologischen.
Was die Menschheit eigentlich ist: ein sog. 'Messie' in seiner Einraumwohnung, genannt Erde, der plötzlich feststellt, dass sein WC gar kein Abflussrohr hat (noch nie hatte) und der feststellt, dass sein Fenster sich nicht zum Lüften öffnen lässt.

Das Experiment Biosphäre 2 ist bekanntlich gescheitert. Eine globale Kreislauf­wirtschaft, die nicht die Meere und die Atmosphäre als Müllhalde benutzt, ist kaum realisierbar.

Sauerstoff ist mit 21 % der Erdatmosphäre in solchen absoluten Mengen vorhanden, dass der relative Wert praktisch nicht veränderbar ist. Aber die Konzen­tration an Kohlendioxid in der Atmosphäre (z.Z. ca. 0,04 %) durch das Verbrennen alles Brennbaren wird im Konkur­renzkampf um Profit solange erhöht werden, bis der Londoner Finanz­distrikt im steigenden Weltmeer untergegangen ist.

top


Nachtrag:
Am letzten Tag des 13tägigen COP15-Weltklimagipfel's in Kopenhagen reiste auch der US-Präsident an. (Die Anreise in letztmög­licher Stunde war, wie immer, ein Ausdruck der Verachtung gegenüber den anderen Nationen, die kein Recht hätten, den USA auf Augen­höhe zu begegnen.) Obama bekräftigte in einer kurzen Rede, die USA sähen keinen Sinn in einer eigenen Zielsetzung zur Reduktion von Abgas-Emissionen ("It doesn't make sense."), wenn sich für die USA nicht Kapital dabei heraus­schlagen liesse. (Kapital, das sich heraus­schlagen liesse, wäre z.B., China mit Überwachungs­einrich­tungen auf chinesi­schem Boden zu kontrol­lieren.)
Obama hätte im Klartext auch sagen können: Zahn um Zahn. Wirtschaft heisst für mich, ich führe Krieg. Und im Krieg ist die Umwelt­schonung nur in sofern interessant, als sie die Potenzen der Gegner messbar verändern könnte.

It doesn't make sense. – Es macht keinen Sinn, zu meinen, die eigenen Abgasmengen werden geringer, wenn man die der anderen (Chinas) überwacht.
Es macht keinen Sinn, als Gladiator in der Arena zu posieren und zu rufen 'Wer ist hier der Boss?', wenn das Kolosseum am Einstürzen ist.

Die Gipfelkonferenz der 119 Staats- und Regierungs­chefs der Welt war, nach einer 17 Jahre währenden Vorbereitung, gescheitert. Nicht nur das Ziel der Konferenz, eine verbind­liche Verein­barung mit in Zahlen ausgedrückten Maximal-Emissionen, kam nicht zustande. Auch ein unverbind­licher Ergebnis­bericht, der diese Zahlen nicht nennt, wurde von den 193 Teil­nehmer­staaten nicht anerkannt. Man einigte sich auf die Formulierung, dieser sei "zur Kenntnis genommen" worden.

Die TV-Nachrichten zeigten US-Präsident Obama, wie er in Siegerlaune seinen Gladiator-Verehre­rinnen Autogramme gibt. Er hatte die Römi­schen Sena­toren im Capitol zufrieden­gestellt.
— Und dies ist das Zitat, das man in den kommenden Jahrhun­derten vielleicht vom 21. Jahrhundert kennen wird:
Care about climate? – It doesn't make sense.
 – B. Obama, 2009

Nachtrag 2021-11:  Die Welt-Klimakonferenz 2021 COP26 in Glasgow bestätigte erneut die resignierte Erkenntnis, dass das Untergehen gegenüber den Konkur­renten in der Welt mehr gefürchtet wird, als das Untergehen in der Erder­wärmung.
Immerhin (und zum Erstaunen der Teilnehmer) kam eine (kleine) Klimaver­einbarung China-USA zustande. – Also genau das, was Obama zwölf Jahre zuvor verhin­dert hatte. Trotzdem besitzt Obama die Dreis­tigkeit, auf der Konferenz mahnende Worte an die Welt zu richten.
Obama – was für ein unehrlicher, hässlicher Charakter.

top

[1] Hans-Arthur Marsiske, "Glocken als Feuerlöscher". Artikel in TELEPOLIS, 2009-12-14, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover
www.heise.de/tp/features/Glocken-als-Feuerloescher-3383755.html

[2] Web Links:
Obama's CleanPowerPlan - ActOnClimate (Nachtrag 2015-08)
(Die Kommentare zum Tweet entlarven Obama's Plan als Scheinmanöver.)
www.smh.com.au/ -> The ocean is broken (Nachtrag 2013-10)
www.guardian.co.uk -> leaked documents (Nachtrag 2012-02)
Global Warming. Link Liste
www.g77.org/
www.g24.org/
www.bund.net/
www.heise.de/tp/ -> Energie&Klima-News
www.gmanews.tv/ -> Bernarditas de Castro-Muller
www.guardian.co.uk -> climate-change-talks-2009
www.climate-justice-action.org/

top