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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST

Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
50ster Todestag von Hans Henny Jahnn
29. November 1959 / 29. November 2009,
Hans Henny Jahnn, 17. Dez. 1894 - 29. Nov. 1959


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Hans Henny Jahnn – Das Einläuten des Heidentums

Glockenturm

"Leise, ferne Klänge, die, nie gehört und doch vertraut, an das Ohr dringen" – Das ist die Sprache einer anderen Zeit und die Rückwärts- wendung des Erinnerns.
Einem Zeitsprung (ausgelöst durch Klang) folgt auch dieser Artikel über Hans Henny Jahnn, über Kriegsgründe und das Erinnern von Kriegen.

Den leisen, fernen Klang erlebte ich vor zwei Wochen, ein zwanzig Minuten andauendes Glockenläuten zum Volkstrauertag, und er bewirkte etwas: das Horchen ins eigene Innere, das Hoffen auf Er-innerung (in der Sprache der anderen Zeit: das wehmütige Erinnern [3]).
Als Ehrerbietung gegenüber den Kriegstoten aller Völker ertönte an diesem Tag eine Glocke in meiner Nachbarschaft, die sonst schweigt: die des Glockenturms am Maifeld in Berlin.

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Aller Opfer ohne Unterscheidung zu gedenken, heisst nicht, das Verbrechen des Krieges, dessen sie Opfer wurden, hinzunehmen oder die Ursachen des Krieges zu ignorieren. -- Pazifist zu sein, heisst nicht, pauschalisierender Mystik anzuhängen.
Hans Henny Jahnn war Pazifist (u.a. hat er sich auf Bornholm dem WK2 entzogen), war aber auch ein Charakter, der weltanschaulich eher Abwege suchte, als Klärung. - Was mich betrifft: die Täter und Verursacher von Kriegen haben Namen. Sie verfolgen Interessen, die jeder kennt und die ich einschliesse in

MEIN GEDENKEN AN DIE OPFER VON KRIEGEN, WIE SIE SICH IN MEINER LEBENSZEIT BIS HEUTE ABSPIELEN:   [6]

Ich gedenke der
JÄHRLICH MEHREREN MILLIONEN HUNGERTOTEN DER WELT
(Auch das ist wie Krieg: die Weltwirtschaft zügellos dem "freien Spiel des Finanzkapitals" zu überlassen.)
Quellen, die sich auf www.fao.org berufen, sprechen von 9 Mio. Toten, die Welthungerhilfe nennt keine direkten Zahlen.

Ich gedenke der Kriegstoten im VIETNAMKRIEG 1965 - 1975
Der Krieg in Vietnam wurde mit äusserster Grausamkeit und Menschen- verachtung geführt. Die USA warfen über Vietnam flächendeckend mehr als doppert so viel Bombenlast ab, wie im zweiten Weltkrieg, vor allem mit B-52-Bombern. Um die Bevölkerung auszuhungern wurden mit dem Gift Agent Blue die Reisernten vernichtet. Auf Jahrzehnte hinaus wurde die Umwelt Vietnams Dioxin-verseucht. Genetische Schäden und missgebildete Kinder sind bis heute die Folge. [8] Etwa eine Million Kämpfer und vier Millionen zivile Männer, Frauen und Kinder wurden getötet. 75 Millionen nicht detonierte Streubomben und Minen liegen bis heute im Boden Vietnams, Kambodschas und Laos und töten und verstümmeln vor allem spielende Kinder.
60.000 ehemalige U.S.-Soldaten nahmen sich später selbst das Leben, eine höhere Anzahl, als die der direkten U.S.-Kriegsopfer. [5] Die Szenen von brennenden Frauen und Kindern bei Napalm-Angriffen, Heroinkonsum der U.S.-Truppen und Folterungen prägten das Bild des Vietnamkrieges.

Ich gedenke der Toten in BANDEN- UND BÜRGERKRIEGEN
Von 1945 bis heute haben die USA in allen Teilen der Welt diese Kriege immer wieder entfacht und angeheizt.
Die Methoden, die Vorherrschaft der U.S.-Wirtschaft zu sichern, reichen von der Finanzierung des Mafia-Terrors zur Verhinderung einer Volksdemokratie in Italien nach 1945, über die Finanzierung von Todesschwadrone gegen die Sandinista, die Finanzierung der Taliban zur Destabilisierung Afghanistans, bis zu unzähligen weiteren Bürgerkriegen und politischen Umstürzen in Afrika und Lateinamerika. Die Beseitigung von Dag Hammarskjöld, Salvador Allende.  usw.
Unvorstellbares individuelles Leid, reduziert auf ein paar Buchstaben wie "CIA" oder "SIS".

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Ich gedenke der Kriegstoten im GOLFKRIEG 1990 - 1991
In der Zeit der Auflösung der Sowjetunion konnten sich die USA nicht so bald von ihrer Fixierung auf den Atommacht-Konkurrenten im Osten lösen (eigentlich bis heute nicht).
Eine unter diesem Aspekt von den USA langfristig "beobachtete" und äusserst doppelbödig zugelassene Rückeroberung des Kuwait durch den Iraq gab den Auslöser des Golfkrieges ab.
Es wurden etwa 100.000 Menschen getötet. Besonders aufschlussreich für die USA war das Testen von Munition aus abgereichertem Uran. Der Zweck solcher Munition ist panzerbrechende Wirkung - die Ergebnisse sind aber auch Missbildungen bei späteren Neugeborenen im Einsatzgebiet.

Ich gedenke der Kriegstoten im BOSNIENKRIEG 1992 - 1995 und im KOSOVOKRIEG 1999
Der Krieg in Bosnien und Herzegowina forderte etwa 100.000 Tote, der Konflikt im Kosovo etwa 10.000 Tote.
Diese Kriege wurden auf einem Territorium ausgetragen, für das zuvor 40 Jahre lang in Rollback-Planspielen der NATO trainiert worden war. Entsprechend geben die Serben bis heute das Feindbild ab.
Das Feindbild hat dabei eine hohe Funktion: Zum Greueltäter wird jemand nicht, weil er Serbe oder Albaner ist, sondern weil ihm in der Weltöffentlichkeit zu diesem Zweck die Würde genommen wird, weil er in menschlich vernichtender weise ins Unrecht gesetzt wird. Das Feindbild, der Greueltäter, wird zweckdienlich zu einem solchen gemacht.
Zu den Kriegsverbrechen im Kosovokrieg zählt der Einsatz von Streubomben modernster amerikanischer Bauart gegen sog. "weiche Ziele".
 Das nachträgliche Etablieren einer historischen Wahrheit über die gute und die böse Seite in diesen Kriegen reicht von (ich nenne Beispiele aus dem Kulturbereich) einer Kampagne gegen Peter Handke bis zu Propaganda aus Hollywood, die auf das Unterbewusstsein zielt (Angelina Jolie)[2]

Ich gedenke der Kriegstoten im
KAMPF GEGEN DIE "KORRUPTION IN AFGHANISTAN"
(Diese absurde Bezeichnung für den Krieg in Afghanistan hat der deutsche Verteidigungsminister, zu Guttenberg, am 20. November 2009 gefunden.)
Wie immer und überall geht es auch beim Töten im Krieg nicht eigentlich GEGEN irgend etwas (die Korruption), es geht um die Erlangung der Kontrolle ÜBER dieses Etwas (die Korruption). Wenn das westliche Kapital die Fäden der Korruption in Händen hält, ist das Kriegsziel erreicht, wie in Mittel- und Südamerika, Kuwait, Afrika.
Bis dahin bleibt als Negativ-Bilanz u.a.: Die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen in Afghanistan ist die höchste der Welt, seit der Westen dort Krieg führt.

Ich gedenke der Kriegstoten des WAR ON TERROR,
der Getöteten in Iraq und Afghanistan, 2003 bis heute.
In der Invasionsphase dieses Krieges lief das Umbringen der Menschen weitgehend maschinell und effektiv ab ('chirurgisch', wie es die Pressesprecher verstanden wissen wollten) - ein Planspiel von laser- gesteuerten Bomben und Raketen. Im späteren Verlauf der Besatzung war es, im Gegensatz dazu, ein sporadisches, hoffnungsloses Töten von Seiten aller Beteiligten.
Die eigentliche Waffe und der Hauptakteur des Krieges waren die (willig oder gezwungenermassen) gleichgeschalteten Medien der westlichen Welt.
In bisher beispielloser Weise wurde eine Massenmanipulation, ein Gebäude aus Lügen, Hysterie und Suggestion aufgebaut, das die Bedrohung durch einen globalen Terrorismus gegen die westliche Welt behauptete.
– Im Golfkrieg von 1991 waren die U.S.-Waffen massiv erfolgreich gegen Panzer sowjetischer Bauart ausgetestet worden. Aber bereits zehn Jahre später war eine ganz andere (digitalisierte) Kriegsführung durchzuspielen.
Der U.S.-Präsident, G. Bush, fühlte sich im Nachhinein des 1991er Iraq-Krieges nicht ausreichend als Sieger. Der neue Kriegsgrund, der 'War on Terror', war nötig. [3]
Dieser weitere Krieg im Iraq wurde vom U.S.-Präsidenten, G. W. Bush, als Kreuzzug bezeichnet – nicht etwa aus Dummheit oder zur Provokation, sondern in breit grinsender Gewissheit: Ein Krieg ist nur dann sexy und cool, wenn der beschlossene Tod auch wirklich eintritt (das schwarze, christliche Kreuz ist schliesslich das Bild eines Folterinstruments, das Symbol des beschlossenen Todes).

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Der Glockenklang vom Turm des Maifeldes verebbte nach zwanzig Minuten. (Ich beende hier die Aufzählung der Kriege und komme zurück zum Volkstrauertag und zur Erinnerungskultur.)
Ein Gedenken bezieht sich auf Vergangenes, oft auf gescheiterte Ideale.
-- Aber jetzt beginnt eine Zeit, in der es in diesem Sinne kein Gedenken mehr geben wird.

Es beginnt die Zeit der tausend amerikanisierten TV-Kanäle und Video-Streams, in der die Menschheitsgeschichte nichts anderes mehr ist, als eine "verordnete Wahrheit", produziert von einer systemkonformen Presse.
Eine Zeit, in der es keine Unterscheidung in Kriegs- und Friedenszeiten mehr gibt, in der niemand mehr etwas weiss, was nicht gewusst werden soll -- z.B. von täglichen Opfern lautloser U.S.-Drohnen. (Killer-Drohnen, die, in naher Zukunft so klein wie Fruchtfliegen, ein paar Atome Plutonium in der Nasenhöhle von "Unwilligen" ablegen. [4] [7] )

Hans Henny Jahnn, der Kriegsverweigerer, hat als Ausweg-Sucher geschrieben ("das Abwegige ist der Weg"). Er verstand etwas von den Lambdoma-Werten des Glockentons, von der All-Gleichzeitigkeit und von dem Mitgefühl, das in allem, trotz Christentum, besteht.
Noch einmal lese ich die Dreizehn nicht geheuren Geschichten.
Am 29. November 2009 jährt sich der Todestag von Hans Henny Jahnn zum 50sten mal.

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[1] Eine Abschweifung vom Thema (aber gewiss im Sinne des Forschers der Töne, Hans Henny Jahnn):  Das Phänomen des 'wehmütigen Erinnerns', hervorgerufen durch leise, ferne Klänge, ist der Widerhall der ersten Sinneserfahrung, die ein Mensch überhaupt macht: gedämpfte Töne der Aussenwelt, wahrgenommen im Mutterleib. -- Ein Widerhall der Empfindung von unbedingter Geborgenheit, wie sie es im späteren Leben nicht mehr gibt.

[2] Nachtrag 2012, Der Spielfilm "In the Land of Blood and Honey"
Meine Kritik zum Film, 2012-02-17:
Es gibt Anti-Kriegsfilme und es gibt Filme, die Krieg führen (im Krieg der Bilder).
"In's Unrecht setzen" (wenn nötig mit Klischees und Unterstellungen) zur Erlangung persönlicher (in diesem Fall politischer) Ziele – mit dieser Waffe ist es ein Frauenfilm, der Frauen als Schutzschilde benutzt für ein selbstgefälliges U.S.-Weltbild, als Alibi für weltweites, millionenfaches Töten durch das U.S.-Militär. Foto-Zensur ('Embedded Journalists') + Hollywood. Das sind zwei Seiten der selben Medaille.

[3] Deutschlandfunk, 05.Februar 2013: Plädoyer für den Krieg - Vor 10 Jahren: Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat (mp3 audio)

[4] Nachtrag 2013-02, Eine Visualisierung der Drohnen-Zukunft, wie sie längst in Planung ist, in einer Animation (mit einfachen Mitteln produziert, aber meines Wissens die erste Darstellung jenseits von Fiktion).

[5] Nachtrag 2014-08, Gehirnimplantat zur Kontolle psychischer Krankheiten von US-Kriegsveteranen.

[6] Nachtrag 2015-01, Zu Kriegen nach 2009 (Syrien, Ukraine) habe ich mich in anderen Artikeln geäussert.

[7] Nachtrag 2015-03, mein Artikel über Killer-Drohnen und Todeslisten

[8] Nachtrag 2015-04, Bericht Agent Orange: Bis in die vierte Generation kommen Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt.




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