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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
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Ein Kommentar zu:
Harald Zaun, "Fermi
Paradoxon. Warum wir von ihnen
nichts hören" in TELEPOLIS [1]
notMute Artikel
Harald Zaun

Das Fermi-Paradoxon.
(Entzauberung? – dieser Kelch geht an uns vorüber)

Fermi-Paradoxon

Eine historische Rückblende: Zwei junge Männer sind in klarer Sommernacht weit in die Steppe hinausgelaufen. Es zog sie weg vom Lagerfeuer der anderen.
(30.000 Jahre später wird man die Steppe Andalusien nennen.) Sie liegen mit ausgebreiteten Armen im Gras und schauen in den schwarzen, sternübersäaten Himmel. [2]
"Was hältst du von dieser Sippe Fremder, der wir gestern begegnet sind? – Also, ich kann's nicht leiden, wie sie mit ihrem Hokuspokus den Nachthimmel beschwören, als wäre da irgend etwas."
"Ja, man weiss nicht, was sie denken und versteht nicht, was sie sagen. Es sind Aliens..."

*  *  *

Mit den 'Aliens' in dem Gespräch sind natürlich die ersten intelligenten, nicht-menschlichen Wesen gemeint, denen der Mensch begegnet war: die sogenannten Neandertaler.
Interessanter als die Unfähigkeit des Menschen, eine andere Intelligenz, als die eigene, zu akzeptieren, ist aber die Frage: Wie wäre die Geistesgeschichte der Menschheit verlaufen, wäre die Atmosphäre der Erde permanent mit einer geschlossenen Wolkendecke versehen?
Welche Vorstellung von "Weltall", "Unendlichkeit", "Ausserweltlichkeit" oder "Gott" hätte sich entwickeln können, wäre der Blick in dieses Weltall, in den Raum, von hause aus versperrt gewesen? – Bei minimal anderen Parametern der Erde wäre es so eingetreten – aber was für ein Schock für die spätere Menschheit beim Bericht des Piloten von seinem ersten Stratosphärenflug: Da ist ein riesiger schwarzer Raum mit einem blendenden Feuerball darin...

Wahrscheinlich würde sich der Mensch als "Wurm unter den Wolken" definiert haben und nicht, wie tatsächlich, von Anbeginn als "Geist im Meer der Unendlichkeit". Der Drang des Menschen zur Grenzüberschreitung, zum Unendlichen – vielleicht hätte er sich nie entfaltet.

*  *  *

Als Fermi 1950 seine Frage stellte [6], warum die Außerirdischen nicht bereits auf der Erde sind, erschien diese noch ein wenig aus dem Phantastischen herbeigeholt.
Heute hat sich unsere gesellschaftliche und technische Realität tatsächlich soweit von der Erde auch in den ausserirdischen Raum ausgedehnt, dass die Frage für jedermann naheliegend ist.
Das Ausbleiben von Außerirdischen können wir als entweder unheimlich oder schlicht als endgültig ansehen.

In weniger als Hundert Jahren werden die Teleskope so sehr auf die Analyse von Exoplaneten optimiert sein, dass dies detailliert über hunderte Lichtjahre hinweg möglich ist. [3]
Mit der raumgreifenden Kartierung bestätigt sich aber auch: manchmal bringen die dortigen Bedingungen so etwas wie Amöben oder sogar Korallen hervor aber für erdähnliche Entfaltung von Leben müssen so absurd viele Zufälle zusammenpassen, dass es dies zur Zeit kein zweites mal in der Milchstrasse gibt. – Ausreichend für die Besiedlung durch den Menschen?: Ja. – Ausreichend für die Selbstentwicklung einer außerirdischen Zivilisation?: Nein.

Zum Glücksfall unserer Existenz kommt also der Glücksfall hinzu, dass dieser im jemals erreichbaren Radius einmalig ist. Unbeweisbar fern in Raum und Zeit, vermutlich in jeder zehnten Galaxie, gibt es Intelligenz, die diese Galaxie komplett durchdringt. (Wie wunderbar, dass dies auf immer zum Reich der Imagination und des Geistes gehört und nicht zur Welt von Empfangsfrequenzen, Renditen oder katholischer Missionierung.)

*  *  *

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Die schmerzhafteste seelische Erfahrung, die ein Mensch machen kann (und die jedem unausweichlich bevorsteht), ist der Verlust der (eigenen) Seele und (als kleine Form dessen) die Erfahrung der Abwesenheit von Beseeltheit dort, wo er eine Seele erwartet.
Unbewusst setzen wir diese Beseeltheit in allem voraus, was uns umgiebt, in der simpelsten Form ist sie der Kontext, von dem wir annehmen, dass andere Menschen ihn genauso wahrnehmen. (Eine Landschaft ist schön, sie ist beseelt, weil wir wissen, daß auch andere diese Schönheit empfinden.)

Das Grauenhafte des Unbeseelten nehmen wir sehr selten war.
– Vielleicht einmal, wenn wir uns in einer Warteschlange anstellen müssen und jemand drängelt sich trickreich vor. Wir bemerken plötzlich: Hinter den kleinen Augen, die auf uns gerichtet sind, ist nichts, was einem menschlichen Argument zugänglich wäre.
Die abgründige Leere, die hinter so einer Nichtigkeit lauern kann, lässt uns erschauern und für den Bruchteil einer Sekunde an der Existenz Gottes zweifeln.

Das Unbeseelte erschrickt auch mal den Spaziergänger im Park oder vor einem staatlichen Gebäude, wenn die wenig gelungene Skulptur eines Gegenwartskünstlers dort unverhofft ihren Standort gefunden hat.

Was wäre in der Frage der Seelenverwandtschaft unser kleinster gemeinsamer Nenner mit den Ausserirdischen?
Man muss zugeben, auch wenn eine Seelenverwandtschaft nicht herzustellen ist, allein der Austausch gemeinsam erkannter Primzahlen würde alle bisherige Geistesgeschichte marginal erscheinen lassen.
—  Auf der Erde sind z.B. Delphine, Orang-Utans oder Raben recht intelligente Geschöpfe. Deren Verhältnis zum Menschen ist gesellig oder geradezu liebevoll – weil diese Tiere nicht spüren, daß sie vom Menschen getötet werden würden, wenn es ihm nützt.
Aliens würden sich seelisch vielleicht nicht wesentlich von Delphinen oder Orang-Utans unterscheiden, nur dass sie schlauer sind. Sie würden im Gegensatz zum Orang-Utan durchschauen, was ein Mensch wirklich ist.
Aber die Frage bleibt rhetorisch.

*  *  *

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Wie lange die Menschheit den heutigen Zustand ihrer multipolaren weltpolitischen Machtverhältnisse ohne Selbstvernichtung halten kann, ist ungewiss.
"Die Aliens kommen – und zwar in totaler Überlegenheit!" – das wäre der Weckruf!
Aller Widerstand der letzten 100 Jahre gegen das US-amerikanische Streben nach Weltunterwerfung und -ausbeutung wäre vergessen zugunsten einer willigen, totalen Mobilmachung unter amerikanischer Herrschaft.

Eine Zivilisation, die sich aufmacht zur Besiedlung des Raums ausserhalb des Heimatplaneten, wäre ohnehin nichts weniger als zivil.
Sie wäre ein allumfassender militärisch-industrieller Apparat unter totaler hierarchischer Kontrolle. (In der Hoch-Zeit des Antikommunismus war so etwas einmal das Böse schlechthin.)   Interstellare Kolonisierung

Die gemeinsame Gefahr vereint die Menschheit zu einem Staat, in dem es zwar (nach heutigen Maßstäben, z.B. polynesischem Maßstab, sibirischem oder jenem der autonomen Jugendkultur) nicht zu leben lohnt, in dem es kein Entrinnen aus der Gleichschaltung gibt, in dem die Menschheit aber vor dem Untergang bewahrt wird.

Hollywood malt bekanntermaßen ein auf dem Kopf stehendes Bild der Welt. Was es für die Menschheit hieße, sich einer unberechenbaren ausserirdischen Intelligenz gegenüber zu sehen, ist das Gegenteil von "Independence Day": es werden die Menschen sein, die in ihren fliegenden Untertassen über fremde Welten kommen. (Und zur Propaganda müsste der Film nicht einmal umgeschnitten werden.)
Die meisten Wissenschaftler würden bei meiner Formulierung sofort protestieren und behaupten:

"Höhere Intelligenz ist a priori das Gegenteil von unberechenbar!"

Prof. Dr. Klaus Strassmeier hält, wie 2009 in einem Rundfunkinterview mit dem rbb, eine Art von interstellarer Bemutterung der Erde durch die Aliens, eine befristet verhängte Schutz- Quarantäne für wahrscheinlich. [4]
Ich halte einen Kontakt mit Ausserirdischen dagegen aus o.g. Gründen für ausgeschlossen. – Aber darum geht es in der Fermi-Debatte gar nicht, auch nicht darum, ob potenzielle Ausserirdische unberechenbar oder mit Empathie ausgestattet sind. – Es geht den Freunden des Fermi-Themas letztlich um das Schönreden dessen, was der Mensch wirklich ist.

Der Mensch ist mit moralischem Empfinden, mit Intelligenz und dem Begreifen höherer Werte (vielleicht sogar aussermenschlicher Werte) nur zu einem Zweck ausgestattet: um jede Moral so effektiv wie möglich mit Worthülsen und Ideologien aushebeln zu können – zur Erlangung von Macht.

Bei der Fermi-Debatte geht es damit auch um vernebelnde Vorstellungen, die hiesige Wissenschaftler über unsere heutige gesellschaftliche Realität auf der Erde zu verbreiten haben.
Glauben die SETI-Jünger etwa, sie dürften noch an ihrer Morse-Taste sitzen, wenn da wirklich Antwort zu erwarten wäre? – Sie wären längst weggeschubst vom Militär. Das Gesetz, das auf Erden herrscht, das Recht des Stärkeren, wird expandieren ins All (wenn auch auf einer Zeitachse, die nach Jahrhunderten zählt).

Die Romantik ferner Welten? – Was schwach ist, wird erst bombardiert und dann wohlfeil ausgebeutet. Und was zu stark ist, wird mit Spionage, Subversion, Verteufelung und Blockade belegt.

Die These "höhere Intelligenz ist gleich Schafsnatur" (Prof. Dr. Klaus Strassmeier) ist strittig.
Die These "Wissenschaftler sind die kognitiv Hilflosen und haben einen verantwortungslosen Tunnelblick" ist bewiesen.

Ein Alien-Kontakt wäre ein Schub in der Selbstfindung der Menschheit: als Degradierung zu einer beliebigen Kultur unter vielen.
Dieser Stachel löste eine Potenzierung des Ur-Strebens des Menschen aus: das Andersartige zu verteufeln und zu entwürdigen zum Zweck der eigenen Vorteilssicherung und der ungeteilten Kontrolle.

Herrschaft um jeden Preis. – So, wie beim Schock, die Welt (beim Zug nach Norden) von einem Nicht-Menschen, dem Neandertaler, besetzt zu finden, wie bei den Ketzer-Verbrennungen, der Versklavung Afrikas usw.

*  *  *

Die Andromeda-Galaxie ist der herrlichste Anblick im sichtbaren Universum, strahlend wie ein Heiligenschein, majestätisch und unnahbar

– und sie ist weit genug entfernt in Raum und Zeit, um alles auf sie projezieren zu können, was in unserer Welt nicht ist.
Die Andromeda-Galaxie ist um so vieles grösser als die Milchstrasse, dass dort das Unwahrscheinliche wahrscheinlich ist: sie ist durchdrungen von Intelligenz in Freiheit.
So, wie die Milchstrasse in ein paar 100.000 Jahren durchdrungen sein wird vom Wesen des Menschen (alles unter Herrschaft zu zwingen) so ist in unserer Vorstellung die Andromeda-Galaxie die Insel der Glückseligkeit und Freiheit.

— Aber nur bis zur Vereinigung der beiden Galaxien in 5 Milliarden Jahren. Dann wird auch diese Insel von der Menschheit neandertalisiert.
(Zugegeben, 5 Milliarden ist eine surreale Größenordnung.)

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Nachtrag:
Im jetzt erschienenen ( zweiten Teil des TELEPOLIS-Artikels) werden Aspekte des sozialen und politischen Zustands der Menschheit einbezogen (die mich mehr interessieren als der erste Teil).

Die unausweichlich faschistoide Entwicklung als Voraussetzung einer interstellaren Menschheit hatte ich oben angedeutet.

Harald Zaun (bzw. seine Interessenskollegen) setzen hier noch eine Steigerung obenauf. Indirekt legen sie der Menschheit eine Vereinheitlichung auf eine bestimmte geistig-ideologische Linie nahe, um tauglich zu sein für Alien-Kontakte. (Nicht, wie von mir oben spekuliert, im interstellaren Kriegsfall, sondern als ein dem hypothetischen Alien-Kontakt vorauseilender Gehorsam.)
Dabei wird aufgeführt, wie inakzeptabel die Inhalte von privatem Rundfunk und andere kulturelle Auswüchse seien.
Ihr Ratschlag zur kulturellen Freiheit lautet:
Totalitarismus jetzt! – Für den Fall der Fälle.

Privat-Rundfunk vertritt selten Hochkultur – aber als Reaktion auf Harald Zauns Vorstellung von einer korrekten "Alien-Einladung" (Zitat) durch Global-Disziplinierung bin ich Verteidiger aller (noch so niedrigen) kulturellen Auswüchse.
(Die Ausbreitung von unterschwellig faschistoidem Denken ist wohl immer einen Schritt weiter, als ich für möglich halte.)
Das Alien-Thema wird von H. Zaun und Co. zum Vorwand benutzt, eben jenes faschistoide Denken anbringen zu können. – Denn, wie der Paradoxon-Artikel eigentlich richtig erkennt, die Wahrscheinlichkeit einer Gleichzeitigkeit zweier interstellarer Kulturen in gegenseitiger Reichweite ist äusserst gering.
Bei der Diskussion des Fermi-Paradoxons geht es also nicht um Aliens. Es geht um Erkenntnis und Selbsterkenntnis des Menschen.
Um seine Freiheit oder Zweckbestimmtheit –
WIE ER DENKT UND WIE ER DENKEN SOLLTE.

Vor 150 Jahren ahnte kaum ein Mensch etwas von realer Raumfahrt und von heute aus gesehen in 150 Jahren werden die Bedingungen, Wahrscheinlichkeiten und Häufigkeiten der Entstehung von Leben in der Milchstrasse in (fast) allen Details simuliert und aufgeklärt sein.
Das ergibt eine Zeitspanne von maximal 300 Jahren, in der in dieser Sache ein Fragezeichen vor der Menschheit steht.
Glauben die von Harald Zaun zitierten Kosmologen (ich nenne sie die 'kognitiv Hilflosen') im Ernst, irgend eine außerirdische Zivilisation würde 500 Millionen Jahre lang Primzahlen durch die Gegend funken (SETI), nur um uns diese 300 Jahre währende Unklarheit zu ersparen?

Einen Unterschied zwischen Hochrechnung /Simulation /Wahrscheinlichkeit und dem 'realen' Suchen nach Aliens sehe ich nicht.
Die Differenz zwischen 'Etwas genau denken' und 'Hinfliegen und es bestätigt sehen' liegt im Zweck. Der Zweck aber steht bereits in der Bibel geschrieben:  das Ausüben von Herrschaft ("macht sie euch untertan und herrscht").

Was Stephen Hawking ( Hawking im Rassenwahn) 2001 für die Zukunft der Menschheit angemahnt hatte, ist so etwas wie 'interstellares Zähnefletschen'.
Er nannte es "Wenn wir überlegen bleiben wollen..." und meinte damit: Wir brauchen (genetisch gesehen) grössere Zähne zum Fletschen. [5]

Das Alien, für das Herrschaft und Knechtung der oberste Antrieb ist, ist längst da – es heißt Mensch (deutsche Wissenschaftler a priori ausgenommen).

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[1] Harald Zaun, Fachartikel in TELEPOLIS, 2009-10-22
Fermi Paradoxon. Warum wir von ihnen nichts hören.

[2] ABGRUND: Der Sternenhimmel unter mir.
Ein aussergewöhnlicher, aber interessanter Zeitvertreib unter Kindern ist es (wahrscheinlich zu allen Zeiten - aber zumindest war es bei mir so), in Sommernächten im Gras liegend in den Sternenhimmel zu schauen.
Der kindlichen Einbildungskraft fällt dabei folgende Autosuggestion (und das ist der eigentliche Zeitvertreib) nicht schwer:
Oben und unten vertauschen sich, man liegt nicht auf dem Rücken im Gras (auf der Erde), sondern klebt wie angebunden unten an der Erdkugel und schaut nach unten – in den Nachthimmel, der sich auf diese weise als abgrundtief, unendlich und geheimnisvoll offenbart.
Wenn sich Schwindelgefühl und Festkrallen im Gras einstellen, weil die Vorstellung des Absturzes in das nach unten offene Weltall zu heftig wird, muss man den Spass beenden. —
Ohne diese Erfahrung wüsste ich nicht wirklich, was Raum ist.

[3] Zur sachlichen Aufklärung in Bezug auf den Harald-Zaun-Artikel: Bei einer Entfernung von 50 Lichtjahren wird im Artikel von "ungeheuren Distanzen und deshalb auch ungeheuren Zeiträumen" gesprochen.
Der 'ungeheure' Zeitraum für Signale beträgt dabei genau 50 Jahre.

[4] Die Suche nach außerirdischem Leben.
Vortragsreihe 2009 des Leibniz Kollegs Potsdam. Organisator:
Prof. Dr. Klaus Strassmeier, Astrophysikalisches Institut Potsdam, www.aip.de/

[5] Stephen Hawking, Interview in FOCUS 36/2001, S. 128-140, Verlag Hubert Burda Media, München. meine Hawking-Kritik

[6] Ergänzung 2014-05: Tim Urban, The Fermi Paradox


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