notmute logo
IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
graphic
Ein Kommentar zu:
Ausstellung in der Berliner
Galerie CAMERAWORK,
Leni Riefenstahl – Photographien,
Juli – August 2003
notMute Artikel


Ihr kriegt mich nicht!

Riefenstahl

Leni Riefenstahl noch zu ihren Lebzeiten den Respekt zu erweisen und ihre photographischen Arbeiten in einer Ausstellung betrachten zu können, war für mich die Erfüllung einer gehegten Hoffnung.

Die Filmregisseurin und Propagandistin des Jugendkult's der 30er Jahre (Triumph des Willens 1934, Olympia-Film 1936/1938) war nach dem Untergang des NS-Staates ihr Leben lang dem Niederreden ihres Werkes in Deutschland ausgesetzt – besonders medienwirksam in den 80er und 90er Jahre von Seiten systemkonformer Schreiber.
Im englischsprachigen Raum dagegen ist die Ästhetik ihrer Arbeit nachhaltig einflussreich und äusserst anerkannt.

Wie Leni Riefenstahl gegenüber den Anfeindungen in Deutschland bestand, brachte mich zu eiem starken Verbundenheitsgefühl. — Dieser Artikel nimmt allerdings die Assoziation, die der Name Leni Riefenstahl auslöst, zum Anlass für eigene Gedanken zur Kraft von Idealen, die sie selbst vielleicht nicht unterschreiben würde.

Mein Nachdenken über Ideale führt (einer Erinnerung an eigenes Erleben folgend) zu einem Ritus, der durch den Gebrauch in der NS-Zeit belastet ist. Er wird heute gemieden, ist aber eigentlich so zentral wie die Frage nach der menschlichen Existenz als solche: der Sonnenkult.

Mit dem Sonnenkult (etwa so, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt worden war) machte ich meine eigene, spontane Erfahrung zur Zeit meines Studienabschlusses:

Bei einem kurzen Urlaubsaufenthalt auf einer Ostseeinsel wanderte ich früh um vier über einsame Sanddünen, den Sonnenaufgang über dem Meer erwartend.
Ich hatte ein Verlangen, diesem Moment mit Würde zu begegnen. – Aber wie macht man das?
Ich stellte mich also aufrecht auf die Dünenkuppe und, den linken Arm in die Hüfte gestützt, streckte ich zum Gruss  –salopp und wie selbstverständlich–  der aufgehenden Sonne den rechten Arm und die offene Handfläche entgegen.

Wer es sich zutraut, sollte das einmal versuchen. – Ein erhabenes Erlebnis! (Und die folgenden zwei Sätze sind ohne Ironie und als Sprache des Idealismus zu verstehen.)

Wie Zweifel und Kleinmut abfallen, wie der Geist unendlich klar wird und der freie Blick in einer nie gekannten Offenheit und Zuversicht über den Horizont sich erhebt!
Wenn man der Sonne, dem Leben, dem Mut, der Kraft und Begeisterung, DEM BRENNEN UND DEM IDEAL den Gruss darbringt!

Verbunden ist das Ritual mit beispielsweise folgender Formel, die ich weiter unten (als Kern dieses Artikels) kommentiere:

"Ihr korrupten Tagesgeschäftler,
ihr Gewissenlosen und Gleichgeschalteten,
ihr niedrigen Seilschafter und Vorteilshascher,
ihr Denunzianten, Intriganten und Leisetreter,
ihr Parteigänger und Lobbyisten
— IHR KRIEGT MICH NICHT!"

Eine andere Formel lautet:

"Das Licht, das Ideal, das Brennen ist in mir!"

top

louise dahl-wolfe [1]

Zurückschauend stelle ich fest: in den 70er Jahren war der Grundgedanke einer ganzen Generation "Ihr kriegt mich nicht". – Die GROSSE VERWEIGERUNG hatte ich damals versucht, wo es nur ging.
Als Anfang der 80er Jahre aber aus Generationsgenossen plötzlich Juppies wurden, bemerkte ich, dass das Verstecken hinter langen Haaren und die Ohne-mich-Idee eine Illusion und eine Flucht waren.
Die Beatles waren lange verschwunden und ebenso alle nonkonformistischen Ideale, aus denen vielleicht Freiheit und Kraft noch hätten geschöpft werden können.

Auf der Sanddüne stehend, entdeckte ich damals eine parallele Welt, deren menschlicher, erhabener Geist immer schon da war (unabhängig von irgendwelchen "30er", "60er" oder "70er" Jahren)...
Es galt, einen Halt im Leben zu finden, das Haar nach hinten zu streichen, die Stirn zu bieten und es laut und mit einem Schwur auszurufen:

"Eure Welt ist nicht meine Welt!
IHR KRIEGT MICH NICHT!"

Heute frage ich mich: ist es verwerflich, das Licht und dessen lebenspendende Energie zu einem weltanschaulichen, kultischen Halt im Leben zu stilisieren, der die Selbstbestimmtheit des Individuums behauptet?

Die Antwort heisst: leider ja. — Denn es gibt nicht auf der einen Seite den positiven, lichten, befreienden Sonnenkult und auf der anderen Seite den NS-Kult, der ins Verbrechen führt.
Wer waren denn die frühen Jung-Nazis, 50 Jahre vor meiner Dünen-Eskapade? — Es waren 20jährige junge Männer, nicht im Mindesten anders als ich, die sich mit ihren Lebensumständen, welche demütigend und abgrund-sinnlos waren, nicht abfinden wollten.
Ihr Schwur lautete wahrscheinlich genau so, wie der oben genannte. — Sie waren intellektuell, idealistisch und antiautoritär. Sie waren heiss darauf, alles neu und anders zu machen (bis die Konsequentheit des Alles-Neu-Und-Anders-Machens jede Menschlichkeit niederwalzte...)

Resigniere ich nach solcher Reflexion und schrecke zurück vor meinem damaligen Schwur?

IHR GEWISSENLOSEN – IHR KRIEGT MICH NICHT!

Am 8. September 2003 war Leni Riefenstahl gestorben.

top

[1] "Gruss an die Sonne", norwegisch-amerikanischen Fotografin Louise Emma Augusta Dahl, 1944