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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Michael Odenwald, Interview mit Stephen Hawking,
Fachartikel in FOCUS 36/2001, S. 128-140,
Verlag Hubert Burda Media, München


notMute Artikel



Stephen Hawking im Rassenwahn.
Über das Wort "Ausrotten"

Rassenwahn

Aus Anlass der Neuvorstellung des Buches
"Das Universum in der Nussschale" führte der FOCUS-Redakteur Michael Odenwald ein Interview mit dem Autor, Physiker und Cambridge-Professor Stephen Hawking.
Im Interview äusserte Hawking Folgendes zur Zukunft der Menschheit:

"Die menschliche Rasse wird erst in Sicherheit sein, wenn sie (...) im interstellaren Raum besiedelbare Welten findet. (...)
Die darwinistische Auslese [beim Menschen] arbeitet viel zu langsam (...) Die einzige diesbezügliche Hoffnung sehe ich in der Gentechnik. (...)
Es wird zwar ein langsamer Prozess sein, weil man pro Generation rund 18 Jahre warten muss, um Effekte der Genveränderung festzustellen. Dennoch sollten wir diesen Weg einschlagen, wenn wir (...) überlegen bleiben wollen."

Mich beeindrucken diese Sätze zunächst einmal, weil sie sich um gesetzliche Vorgaben (Gen-Experimente an Menschen betreffend) oder "ethical correctness" nicht viel scheren. Sie klingen abenteuerlich und bewundernswert sprupellos. Wenn man sich allerdings klar macht, dass Züchtung nur dann funktioniert, wenn alles, was dem Züchtungsziel nicht entspricht, an der Fortplanzung gehindert wird (zumindest gettoisiert und von der Zukunft der Menschheit ausgeschlossen wird), wird es unangenehm (besser gesagt: verbrecherisch). Die radikale Konsequenz hiesse: Ausrotten. [3]
In der zitierten Passage verwendet Hawking ein Vokabular, das an jenes des Dritten Reiches erinnert (ohne dass es bei ihm heute in Frage gestellt wird) - es sind die bekannten Merkmale:

Ich bin in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren, sozusagen "unbelastet" und habe dennoch kein einfaches Verhältnis zu solchen Vokabeln und Wunsch-Welten.
Mit diesem Artikel versuche ich, mir ein entspanntes Denken über das Thema zu erschliessen und behaupte probeweise:
Solche Überlegungen sind für ein unreflektiertes Gemüt (in soziologischen Fragen ist Hawking dies offensichtlich) naheliegend und normal.

Sollten sich allerdings denkende andere Rassen in "unserer" Milchstrasse zeigen, die etwas gegen expansionsorientierte Überlebensstrategien haben, kann Hawking zwar vielleicht seine Planspiele beibehalten, er wird sie aber politisch geschickter darstellen müssen.
Sonst bekommt die Menschheit ein nicht sehr wünschenswertes interstellares Image - sie sind "die Deutschen der Galaxie" oder (was in der Sache das selbe bedeutet) "die USA der Galaxie".

Ergänzung 2007:

Alle glorreichen Zukunftsvisionen ( notMute-Artikel Kolonisierung der Milchstrasse), die die mörderischen Kämpfe um Macht und Kontrolle, von denen die Zivilisation auf der Erde bestimmt ist, ausblenden, tun dies aus Einfalt oder mit manipulierender Absicht (bei S. Hawking wohl eher aus ersterem Grund, aber es ist eben auch britische Tradition, den eigenen Imperialismus nicht als Verbrechen an den Völkern, sondern als Glorie darzustellen).
Ausgeblendet wird dabei vor allem, dass dieser Kampf im Endergebnis zwangsläufig zur totalen Macht und totalen Kontrolle führt.
Heute, im sogenannten Informationszeitalter, können sich Menschen der Informationsmanipulation und Machtpolitik des jeweiligen Systems nicht entziehen. Das war sicher im alten Rom schon schwer. Aber was wird geschehen, wenn es nur noch ein Gesellschaftssystem gibt, wenn ein autonomer Islam, sozialistische Volksherrschaft in Lateinamerika, der Kommunismus und "Ami-Go-Home" ausgerottet sind? Wenn sich endlich auch der letzte Bohrturm in Sibirien unter der Kontrolle von Texaco befindet?
-- Sich angesichts solcher Fragen einer Übermensch-Gläubigkeit, wie es Hawking tut, hinzugeben, heisst nichts anderes, als vor der totalen Kontrolle, der eindimensionalen Herrschaftsausübung, zu kapitulieren.
Geprägt von der angelsächsischen Kultur, hat Hawking kein Problem damit, das Recht des Stärkeren auf eine galaktische Zukunft der "Menschheit" (besser gesagt: der oberen zehntausend Herrenmenschen) auszuweiten.

In meinem Artikel geht es mir um das Vokabular, dass im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Macht benutzt wird. (Empfindlich in solchen Fragen hat mich sicher Klemperers Lingua Tertii Imperii gemacht, dessen vergilbte Erstausgabe in meinem Regal steht). [2]

Der US-Präsident G . W. Bush benutzt das Wort "Ausrotten" denen gegenüber, die sich ihm nicht beugen, sehr ähnlich wie ehemals die Nazis.
Zwar wechseln US-Präsidenten im Amt, der Ausrottungskrieg aber wird fortgesetzt. Dabei verstehen die USA durchaus auch die Weltwirtschaft als Krieg – letztlich mit dem Ziel einer Ausrottung.
Dumping, Zollschranken, Embargo bis zur Strategie des Aushungerns ganzer Nationen (Vietnam) - Wirtschaft wird von den USA zielgerichtet oder "flächendeckend" eingesetzt wie eine Waffe.
Wie Napalm, Agent Orange, Atombomben, Killer-Dronen, Streubomben (oder wie verbrecherische US-Erfindungen sonst noch heissen mögen).

Nicht fortgesetzt wird dagegen das alte Vokabular. Die schicken Kampfszenen im nächtlichen Himmel über Bagdad heissen nicht mehr "Ausrottung", sondern "cool", auch wenn es sich immer noch um perfekt und industriell organisiertes Töten handelt - Töten für Öl und totale Macht.


Der neue Wahn von Überlegenheit vermeidet ein Vokabular wie am Ausgangspunkt dieses Artikels. Er ist nach allen Regeln Hollywoods unkenntlich gemacht.
Gemessen daran ist es ganz sympathisch, wenn Hawking die Ideologie des Herrenmenschen naiv beim Namen nennt und eine verlogene Sprache der Politik nicht nötig hat.

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[1] www.focus.de -> Stephen Hawking Interview, Nr.36 / 2001

[2] Victor Klemperer, LTI - Notizbuch eines Philologen, Aufbau-Verlag Berlin, 1947, 302 S.

[3] Nachtrag 2014-12: meine Analyse von Stephen Hawking's Theorie der Besiedlung von Exoplaneten, 2014



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