Chance einer europäischen Zukunft

Eine Wirtschaftsunion vom Atlantik bis Sibirien – in einer multipolaren Welt

Eine öffentliche Erwiderung auf Michael Klonovsky's Tagesnotiz

Lieber Michael Klonovsky,
der AfD-Abgeordnete Dr. M. Krah wirbt dafür, in der historischen Bewertung von WW2 der Sicht Russland's entgegenzukommen – als einer Voraussetzung, um Russland und Westeuropa ggf. zu einer Wirtschafts­einheit integrieren zu können. – Das ist der Ausgangspunkt Ihrer Tagesnotiz 29-juli-2021 (dort Abs. 4). —
Von solchen geopolitischen Phantasienen halten Sie allerdings wenig.  Auch wenn Ihnen sicher klar ist :

Zur europäischen Wirtschaft.
Europäische Großunternehmen werden sowohl in China als auch in den USA nicht ernst genommen werden und ökonomisch untergehen, wenn Westeuropa nicht eine eigene (auch gegen die USA abgegrenzte) Geheim­dienst[*]- und Militär­stärke entwickelt. Europa wird zur verachtens­werten (selbstver­leugnenden) Null, wenn es nicht rigoros stoppt, von Fremdinte­ressen dominiert zu werden (››Tabu) und einen souveränen/ egoistischen Stolz auf Eigeninte­ressen entwickelt. [**][***]
Vor allem China wird Europa diese Lektion der Augenhöhe erteilen.

[*] Daß Ex-General Colin Powell die Begründung für den US-Krieg gegen den Irak (2003) aus "Erkenntnissen" des deutschen Geheimdienstes (die falsch waren) konstruierte, offenbart das hündische (nichtsdesto­trotz mörderische) Verhältnis des BND zur CIA.

[**] Die "Verteidigung am Hindukusch" ist ein Beispiel für dumm-deutschen Untertanengeist (ohne eigene Zielorientierung), für die dumm-deutsche Hybris, für alles Unrecht in der Welt zuständig zu sein, und für das dumm-deutsche Aufzwingen von "Kultur" in fremden Weltregionen. – Eine Alternative dazu, eine kluge, eigenständig-europäische Strategie (die sich von den USA abkoppelt) kommt wegen unterschiedlicher Interessen in Europa nicht zustande.

[***] Die USA lassen bei ihrem neuen Three-Eyes-Atom-Bündnis mit Australien die Europäer im Dunkeln. Sie isolieren Europa bei der Indo-Pazifik-Politik und lassen es in seiner geostrate­gischen Hilflosigkeit 'abschmieren'.
– Es ist, als hätten wir das Jahr 1910. Deutschland treibt ziellos und mit illusorischer Vorstellung von sich selbst zwischen den Großen der Weltgeschichte.
Was macht die deutsche Fregatte 'Bayern' vor der Küste China's? Sie gehört nicht zur Indopazifik-Allianz AUKUS und die Chinesen (Shanghai) zeigen der Fregatte einen Vogel, als sei sie ein notgelandeter Rudolf Heß. – Auf sich selbst gestellt ist Deutschland halt unzurechnungsfähig.

Mit Ihrer Selbstbeschränkung in Sachen Tabu-Befolgung (gleich zu Beginn Ihres Artikels) haben Sie ja recht. Wer öffentlich etwas zum Thema Tabu in der Geschichts­wissenschaft sagen will, kann nicht anders, als das größte aller Tabus strikt zu befolgen (siehe unten).

Das Thema Ihres Artikel's machen Sie an einer Diskussionsrunde fest: Hitler/Stalin/"Präventivkrieg" (YouTube-Video).
Sie holen dabei weit aus, um Ihre Gedanken argumentativ abzudichten. Aber eigentlich und für sich ist die Themenstellung 'Präventivkrieg' nicht wert, sich dort einzubringen.
Denn Kategorien wie 'Präventivkrieg' (genauso wie 'Ehrhaftigkeit der Wehrmacht' etc.) sind rationale Kategorien, die das Einbeziehen von Staatsrecht und einer verantwortlichen Kalkulation in Bezug auf eine künftige Friedensordnung voraussetzen.
Solches Kalkulieren war von Seiten der NS-Führung aber nicht vorhanden (höchstens als Wunschdenken). – Ein gewollter Vernichtungskrieg hat eben keine Rechtsgrundlage (und kann kein Präventivkrieg sein).

Battle of Britain, 1940.
Mit der fehlgeschlagenen Lufthoheit (H. Göring) über Großbritan­nien und mit der Ohnmacht, den Bau des Tief­wasser­hafens "Beech Hill/ Base One" zu verhindern, war der Krieg im Westen praktisch verloren. Die Zwangslage, in die sich NS-Deutsch­land manövriert hatte, ließ nur noch als letzte Sieges­hoffnung, die unge­schützte Ostgrenze Deutsch­lands zu einer Front in einem Angriffs­krieg zu machen. – Wenn man so will, war das präventiv, aber eben präventiv in dem Sinne, eine Lage ausbügeln zu wollen, in die man sich selbst gebracht hatte.

Es ist richtig, Geschichtsschreibung ist ständig zu revidieren, weil ständig irgend welche bisherige Verfälschungen (durch die Sieger der Geschichte) überflüssig werden.
Revisionismus kann aber auch penetrant werden – besonders dann, wenn der Dummheit freien Lauf gelassen wird.
Man stelle sich vor, ein Historiker würde plötzlich behaupten, die Ermordung von 6 Millionen Juden in der NS-Diktatur sei eine "Präventivmaßnahme" gewesen. Aus Sicht der Nazis war es das in der Tat, aber niemand käme heute auf die Idee, eine so absurde Rechtfertigung hinzunehmen.
Wenn allerdings 26 Millionen Russen sinnlos getötet werden, dann geht die Rechtfertigung vielleicht durch : es war ein Präventivkrieg.

Was macht nun die erste Behauptung unwahr, die andere aber (halb)wahr? – Die Antwort ist traurig (eigentlich der Offenbarungseid für das Wesensmerkmal, was der Mensch und was die menschliche Gesellschaft ist) : Die Amerikaner haben gegenwärtig das Sagen, Putin nicht. Mehr ist es nicht, was man Wahrheit nennt.

Buch: Die Ukraine 1943/44

Besonders traurig finde ich, daß Sie, Herr Klonovsky, sich diesem Wahrheitsgebrauch einpassen (wenn auch mit Vorbehalt).
O.k., Sie lehnen die Kategorie 'präventiv' ab (wenn die beteiligten Staaten sich gegenseitig in Ausbeutungs- und Unterwerfungs-positionen bringen wollen, oder diese dort belassen wollen - Versaille.)
Aber Sie lehnen es leider ebenso ab, heute Wladimir Putin eine europäische Realpolitik zuzutrauen (separat von der Ideologie in der russischen Geschichtsschreibung).

Das hier ist kein Historikerstreit. Es geht nicht um nationale Ehre oder um das, was in Lehrbüchern steht. Es geht, und zwar ausschließlich, um eine kleine begriffliche Formel, die Weltpolitik verändern könnte, wenn sich Europäer darauf einlassen.
Es ist Europa's historische Pflicht, sich als eigenständig in einer multipolaren Welt zu positionieren und den Rückfall in eine bipolare Welt (diesmal USA - China) zu verhindern.
Die Chancen dazu stehen nicht gut, aber Sie, Herr Klonovsky, wollen dies gar nicht erst. Warum Sie das nicht wollen, verheimlichen Sie vor sich selbst (siehe meine Kritik Ihres Video's "Ein Wort an die Jugend").
Die Alternative zu einem ungeteilten Europa, Ihre Preisung einer republika­nisch-konserva­tiven USA als Bindung, widerspricht Ihren eigenen gesellschaft­lichen Zielvor­stellungen. Denn die USA sind sowohl ein Gegner der europäischen Tradition von staats­bildenden Völkern (vergl. Multikulti und Kosmopoli­tismus), als auch von nationalen Ökonomien (vergl. Globalismus [*]).

➡️ Dr. Maximilian Krah MdEP  "von Lissabon bis Wladiwostok"


22. Juni 2021, Tino Chrupalla am Grabmal des unbekannten Soldaten, Moskau.
Bild via @AfDimBundestag

Zehn Jahre nach der großen Wirtschaftskrise 1929, in dem Moment der Erholung, als die USA sich anschicken, den Plan einer Weltdominanz wieder aufzugreifen, haben Hitler und Stalin nichts Besseres zu tun, als den anglo-amerikanischen Traum Wirklichkeit werden zu lassen und sich gegenseitig in einem Krieg bis zum Staatskollaps zu zerstören. – Ein Krieg Deutschlands gleichzeitig gegen Russland und USA/Britisches Empire – das ist vollkommen irrational, irrsinnig. Aber Hitler hatte die Wahl getroffen, die tödliche Falle anzunehmen (die die Nazis zwar als die "Erfüllung des jüdischen Traumes" schmerzte, auf die sie aber letztlich selbst zwanghaft zugesteuert hatten).

Sie, Herr Klonovsky, nennen es ein Va banque-Spiel Hitler's. Aber das war es nicht. Diesen Anschein hatte es in der frühen (kriminellen) und dann in der diplomatischen Phase von dessen Machtausweitung.
Aber all die Planungen zum Atlantikwall, zu einer künftigen Reichshauptstadt, dem Kunstmuseum in Linz, zu 'Tausend Jahren Reich', selbst der Angriff gegen Russland, waren zu dem Zeitpunkt bereits ein Trugbild, nach welchem Hitler's Psyche verlangte, ein Abwehrmechanismus für sein Unterbewusstsein, um das reale (absehbare) Ende der NS-Herrschaft auszublenden und zu verdrängen.

Ich sehe die NS-Herrschaft nicht als Va banque-Spiel, vielmehr als einen (grauenhaften) Amoklauf von Anfang an, d.h. als eine Selbstermächtigung (gegen den Versailler Vertrag), bei der ein "gutes Ende" von vornherein ausgeschlossen ist und die jede Menschlichkeit/ Zukunftsfähigkeit vergisst. Wie jeder Amok trägt auch dieser die Illusion der großen Genugtuung vor sich her, aber zugrunde liegt ihm eine Demütigung, die eben nicht beglichen werden kann, die außerhalb dessen liegt, was irgendwie verarbeitet werden könnte. Es gibt nur das eine Ende.

Nebenbei, es ist müßig, hinter einer solchen Psychologisierung der NS-Verbrechen eine Verschiebung hin zu einer "Schuldunfähigkeit" zu argwöhnen. – ›› Schuldig ist unter den heute Lebenden sowieso niemand.

Der Punkt ist, daß ein Amoklauf eine Gegenreaktion ist und die eigentliche Ursache 25 Jahre zuvor zu suchen ist, in Kriegszielen von 1914 (die mit den Kriegsergebnissen korrespondieren). – Auch da geht es nicht um Schuld, sondern um ein Tabu der Geschichtsschreibung.

Ich stimme Ihrer Bewertung sofort zu, daß die damalige Nazi-Führung nicht willens war (intellektuell nicht fähig war), zwischen deren Krieg gegen den Bolschewismus und deren Krieg gegen "Untermenschen" zu unterscheiden.
Warum in der Clique diese ideologische Unfähigkeit herrschte, ist gar nicht mal die entscheidende Frage (Vernichtungswille braucht keine rationale Begründung). Die Frage ist vielmehr, warum auch heute die Abwegigkeit des Begriffs "jüdisch-bolschewistisch" nicht analysiert/ diskutiert wird (vergl. dazu meine Fragestellung von 2017-06).

Die Antwort, Herr Klonovsky, liegt in Ihrer verfehlten Tabu-Bewertung (in Ihrer strikten Tabu-Befolgung) begründet (, die fast alle mit Ihnen teilen).

Die unantastbare Erzählung im Westen lautet nicht "Was vom Nationalsozialismus kommt, ist immer unrecht.", sondern
"Was von der jüdischen Welt kommt, ist immer gut und rechtens."
(Die erstere Aussage ist also nur eine Folge, sekundär.)

Das Tabu unserer Zeit ist es, über die Existenz jüdischer Interessen zu sprechen (d.h. also, darüber zu schweigen), und mehr noch über deren bestimmende Allgegenwärtigkeit.
Die jüdisch-amerikanische Globalstrategie hatte sich damals (zumindest aus Hitler's Sicht) des Bolschewismus bedient, um Europa zu spalten und zu schwächen, ähnlich, wie sie sich heute zum selben Zweck der Ideologie "Diversität unter der Regenbogenfahne" bedient.

Ich sehe ein, daß sowohl Schnellroda als auch Sie persönlich das Minenfeld 'jüdische Interessen' nicht in die Argumentationen hineinholen wollen. (Es ist die staatstragende Erzählung, die für jeden, der sie diskutiert/ relativiert, ins Aus führt.)
Aber daß Sie dann (ohne die tabuisierten Gründe wahrhaben zu wollen) versuchen, Putin's Widerstehen gegen den Globalismus zu diskreditieren, und ihm ein "Zurückweisen westlicher Wahrheitsfindung" unterstellen, ist wahrscheinlich schon das Einüben unfeiner MdB-Taktiken (Einüben von persönlicher Positionierung im Spektrum der Fraktion).

Sie haben sich anscheinend entschieden, (trotz früherer anderslautender Positionen) : gegen ein eigenständig-europäisches Europa. Bei den Social Credit Scores der Frau Schwarz-Friesel ergibt das für Sie einen Pluspunkt :

Geeignet für's Amt

Ihr Leser ***